Abschalten–unmittelbar und gnadenlos!

5 05 2012

Okay, das mag jetzt etwas drastisch daherkommen…Aber: Grad heute lese ich wieder sonen jämmerlichen Beitrag in der FAZ, die Stromnetze in Deutschland sind leider impotent.

Ich sitze hier, vollkommen unnötig läuft der Fernseher im Standby, Licht ist an, es läuft Musik in – …kleinen Augenblick bitte… – Multichannelstereo. Ich schreibe diesen Beitrag auf einem Notebook, das permanent mit Strom versorgt wird, weil ansonsten…Ach is auch egal. Ich sitze hier also im Stromkokon, und erinnere mich dann an die Horrormeldungen aus dem letzten Winter, wo wir die Franzosen um Strom anbetteln mussten, weil wir nach Fukushima (einer Stadt (?) in 8800 km Entfernung, wo vor etwa einem Jahr nen Tzunami an Land anschwamm, woraufhin…naja, ihr wisst schon. Ist jedenfalls das Land, in dem als Reaktion auf die Reaktorkatastrophe am Wochenende die letzten Lichter im letzten Atomreaktor ausgehen, ohne Rücksicht auf Verluste…) knapp die Hälfte der AKWs in Deutschland abgeschaltet haben und seither offenbar eine ‘Versorgungslücke’ haben. Diese Lücke ist womöglich nur spannende Propaganda – dass das es offenbar nachweisbare Notwendigkeit gibt, Strom zuzukaufen, beweist aber entweder die kaufmännischen Fähigkeiten der Strommultis, oder das Ungeschick der beteiligten Politiker…

Anyway.

Ich bin ja für Abschalten, sofort. Dabei gehts nicht (mehr!) darum, OB es eine Versorgungslücke gibt. Es geht nicht darum, ob wir mit Wind-, Wasser- und Sonnenenergie über einen schmalen Sommer kommen – es geht um die Herstellung der Notwendigkeit von Einsatzbereitschaft (z.B. für die Bereitstellung eines besseren, ausgebauten und funktionstüchtigen Speichernetzes).

Anders gesagt:
Sagen wir, wir schalten die AKWs ab. Sofort. Das sind derzeit noch popelige 20% vom Stromsee (oder waren es 20% vor der Abschaltung der inzwischen abgeschalteten? Ja, ich glaub, das wars… anyway…). Wenn die fehlen, kommt der Strom halt woanders her. Ich kann und will nicht glauben, dass inklusive aller Solar- und Windkraftanlagen, die hier seit Jahren aus dem Boden sprießen, aber exklusive der Atommeiler der Strom plötzlich wegfiele. Aber: Selbst wenn! Dann sind die Radios still, die Mixer laufen nicht mehr, Music muss via Akku daherkommen. Oh und ja, die industriellen Betriebe haben Grund, auf ihre Verträge zu zeigen und zu sagen, die Zulieferer MÜSSEN liefern, egal was…Lasst die Lichter ausgehen. Lasst die Öfen kalt. Grad zum Frühling. Das hat nämlich dann nen reinigenden Effekt: Die Menschen ärgert es, aber hier verreckt niemand. D.h. die Leute kacken den Spacken in den Chefetagen der Stromzulieferer mal ordentlich auf den Tisch. Die Industrie stampft so richtig mit dem Fuß auf, verlangt die zugesagten Mengen. Die können die Strommultimilliardäre nicht liefern, angeblich. Also müssen sie ausbauen.

Im Moment sollen sie zwar ausbauen, aber niemand zwingt sie, es gibt keine Sanktionen…

Ganz ehrlich: Ich bin kein wirklicher Atomstromverfechter und kein Gegner. Aber die Art und Weise, wie die Strommultis uns verarschen und andererseits mit offensichtlicher Lobbyarbeit die Politiker dieses Landes schmieren…das können wir besser. Japan macht es vor. Die schalten einfach ab. Egal was.

Manchmal bewundere ich dieses Volk, echt…





Urheberrecht – skurrile Blüten in einer bunten Debatte o_0

8 04 2012

Okay, die meisten meiner schnell abgezählten Leser dürften den Brandbrief der Tatort-Autoren inzwischen kennen. Nicht auffallend weniger dürften die CCC-Antwort zum Thema gelesen haben. Deswegen will ich mich inhaltlich dazu auch nicht weiter äußern, es erscheint mir in beiden Fällen absolut angemessen, die rüden Positionierungen für sich wirken zu lassen. Einen Kommentar haben beide auch nicht verdient, weil beide sich nicht um eine objektive Darstellung mühen.
Damit ist die nächste Runde eröffnet, und so ganz langsam treten sich die Pfade zurecht. Restaurieren wollen alle, aber im Vorfeld müssen die Claims gesteckt sein. Das Ziel ist offenbar: Eine möglichst günstige Ausgangsposition für den eigenen Wirkungsradius in dem Moment erreicht haben, in dem die Politik sich endlich drum bemüht, hier Ruhe reinzubringen Lösungen zu schaffen. Das ist legitim und in Zeiten offensichtlich Lobbyismus-loyaler Politik sogar vorhersehbar. Einig sind sich alle, die Big Player sind der Teufel. Egal ob Google, Verwertungsgesellschaften oder Major Labels, abgesehen von ihnen selbst (und ein paar gebrandmarkten Unverbesserlichen) gönnt ihnen niemand die Position der Stärke, die sie sich, lauter oder nicht, erarbeitet haben.

Das ist immerhin die gute Nachricht, denn der Feind scheint damit eingekreist zu sein. Zumindest aber definiert. Dumm ist nur, dass in den einen Auges Feind der Freund des anderen zu finden ist. Google übergibt mit seiner Position neben sich selbst auch den Konsumenten das Potenzial der Kreativwirtschaft. Warner besteht auf seine Knebelverträge, will den Konsumenten möglichst wenig einräumen, schlachtet den Markt in gewohnt herablassender und marktnegierender Form aus. Ohne mich hier inhaltlich positionieren zu wollen erscheint mir das Prinzip “behalten, was wir haben” auf so ziemlich allen Seiten ein wesentlicher Standpunkt zu sein – währenddessen alle Seiten übersehen, dass ihre Positionen nicht nur geschwächt wurden im Laufe der letzten Jahre – sondern sie gänzlich überrannt wurden. Downloads sind real. Custom Art ist real. ‘Grocery Wars’ hat mehr als 5 Millionen Hits – alleine bei Youtube. Es ist weder wahr, dass es ohne Schutzfristen keine Kunst mehr gäbe, noch ist es richtig, alles und unmittelbar der Allgemeinheit zu übergeben (für Lau). Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte. Und muss akzeptiert werden. Mit Kampfpose und Wutgeschrei erreicht man nur Unverständnis auf den neutralen Plätzen und kopfschüttelndes, mantraartiges wiederholen der immer gleichen Gegenargumente. In einer Welt käuflicher Politik erreicht man damit vielleicht eine Stärkung der Position in der politischen Entscheidungsebene – aber vergesst bitte nicht, das 21ste Jahrhundert ist die Heimat derjenigen, die sich über Politik einfach hinwegsetzen können, weil die Wahrheiten nicht mehr nur diktiert werden – Politik ist keine Unicast-Radioshow mehr, sondern eine interaktive Spielwiese, immer häufiger werden Antworten anderswo gesucht als beim zuständigen, ewig-gestrigen Volksvertreter. Die Zeiten, in denen den mündigen Bürgern dieses Landes vorgebetet werden konnte, was sie zu glauben haben, sind seit den 90ern vorbei – auch das ist eine bittere Wahrheit, die ihr (alle, die ihr glaubt, euch an Dingen festhalten zu können, die eure Eltern noch als gegeben angesehen haben…) lernen müsst. Die mussten wir alle lernen. Und ja, es ist wahr, mit dieser neuen Freiheit muss auch erst noch der richtige Umgang gelernt werden. Aber das ist eine andere Debatte – zu versuchen, das Volk, den Konsumenten, den Unterhalter, Finanzier und Lebensgrundlage aller der kreativen Branchen, die hier so zusammentreffen, mit toxischen Wahrheiten vor unveränderliche Situationen zu stellen, ist fahrlässig, naiv und unzweckmäßig. Um es kurz zu sagen: Ja, es mag sie geben, die Kostenlosmentalität im Internet. Aber mit veröffentlichten Flames erreicht ihr deren Anhänger nicht. Ihr erreicht zumeist zahlende Kunden. Denen könnt ihr natürlich sagen was ihr wollt, aber ihr müsst damit rechnen, dass es differenziert aufgenommen wird.

Was mich offen gesagt schockiert ist die Tatsache, dass in dieser langsam so ziellos werdenden Debatte mehr und mehr versucht wird, mit Totschlagargumenten zu werben. An dem Punkt waren wir eingangs der Debatte vor fünfzehn Jahren schon einmal. hat damals nix gebracht, wird auch diesmal nix bringen. Liebe Tatort-Autoren (und sonstige kreative), wenn eure Argumente die ausgelutschten Drops der Debatte sind, behaltet sie doch bitte für euch. Kennen wir schon. Und egal wem ihr die Schuld geben wollt für die ausbleibende Liberalisierung der Weltmärkte – sie sind nicht bei uns, den Konsumenten, zu finden. Ihr müsst eines immer vor Augen behalten: Es ist nicht etwa unser Mitleid, Verständnis und unsere offenen Brieftaschen, die ihr erreicht – es ist unsere Unverständnis, unsere gewahr werdende Unabhängigkeit und unser Selbstverständnis als Konsument, dass ihr heraufbeschwört. Glaubt es oder nicht, wenn wir für euren Kram nicht bezahlen, dann nicht zwangsläufig deswegen, weil wir es anderswo kostenlos bekommen. Allzu häufig eher deswegen, weil ihr es einfach nicht verkaufen konntet. Wenn irgendwer, nehmen wir exemplarisch Google, es versteht, aus euren Inhalten Geld zu generieren, wo ihr das nicht konntet, wieso ist das Googles Schuld? Es ist vielmehr deren Verdienst (und ihr Geschäftsrisiko) aus dem ganzen unnützen Kram gelegentlich ein One-Hit-Wonder zu generieren. Klar, der Werbemarkt im Internet arbeitet weitgehend auf Abrufbasis. Also recht wenig Risiko für den Anbieter, das Risiko liegt nahezu vollständig beim Contentmanager – weil der für wenig Interesse nicht belohnt wird. Das ist ganz ähnlich wie in eurer Branche: Wer euren Kram nicht konsumiert, erzeugt auch keinen Umsatz. Die Infrastruktur muss Google aber dennoch irgendwo abstellen (so, wie ihr eure Drehbücher schreiben musstet). Und ja liebe Contentgenerierer, die bei Youtube nach eigener Ansicht regelrecht vergewaltigt werden: Es kommt vor, dass den Leuten mal nicht gefällt, was ihr so ausdünstet. Der Markt reguliert das. Und er reguliert es auch bei Google. Klar, die haben natürlich den Vorteil, sie haben die Infrastruktur eh, zusätzlicher Content erzeugt wenig Last bei maximalem Ertrag – aber ihnen daraus einen Strick zu drehen, zeugt von geistiger Leere, wie man sie den kreativen Köpfen dieses Landes nur ungern unterstellen möchte…
Tatsache ist, dass wenn ich ein Buch kaufe, will ich das Buch haben. Ich will weder dem Autor bewusst sein Konto füllen noch seine Position unter anderen Autoren stärken, mir ist die Lebenssituation des Autoren weitgehend egal. Wenn (FALLS!) mir das Buch gefällt, freue ich mich hinterher über die gelungene Investition. Über eine gelungene Investition beim Besuch eines Films im Kino habe ich mich schon ewig nicht mehr gefreut. Ihr flutet den Markt mit trivialem, minderwertigen und nachrangigem Scheiß und wundert euch im Nachgang, dass den Kram niemand erfragt. Grade im Bereich Fachliteratur und Musik ist das Internet ganz gewiss sogar ein Quell kreativer Ergüsse. Die letzten zehn Fachbücher die ich mir gekauft habe, hätte ich mir getrost sparen können. Der Inhalt ist minderwertig und altbacken. Und wir reden hier von gebundenem Werk im Wert von insgesamt mehreren Tausend Euro, nicht von den Ramschblättchen die der Computerbild beiliegen mögen. Das Internet gibt den Konsumenten neben epischer Breite vor allem auch eine Möglichkeit zur Ermittlung von Qualität vor dem Kauf. Früher, ich erinnere mich noch allzu gerne daran, habe ich die Schule geschwänzt um einen Vormittag lang bei WOM in CDs reinzuhören. Damals konnte ich mir deutlich weniger leisten als heute, eine Neuerscheinung verschlang schon mal ein ganzes Monatseinkommen Taschengeld und wollte gut überlegt sein. Also investierte – bisweilen verschwendete – ich Stunden um Stunden am ‘Prelistentable’ und hörte in beinahe jeden Song auf dutzenden CDs mehrere Minuten rein, um am Ende den Tagessieger zu küren. Das war harte Arbeit, obwohl ich weniger Bands als heute zur Wahl hatte (vgl vereinfachter Marktzugang durch das Internet) und obwohl ich deutlich weniger anspruchsvoll war als heute. Heute kann ich mir das Schwänzen sparen (gsd, mein Arbeitgeber fänd’ das auch sicher nicht so lustig wie es meinen Lehrern egal war), stattdessen bieten mir die gut organisierten Dienste im Internet all den Kram, der mir vielleicht zusagen könnte – etwa weil ich die alten Sachen von den Veröffentlichenden schon besitze, oder weil sie so ähnlich klingen wie was anderes, was ich habe oder einfach nur, weil eine Band von einem Major gepusht wird und sie deswegen auf meiner “Empfehlungen”-Liste landen – auf dem Silbertablett an. Klar, heute kaufe ich auch mehr als damals zu WOM-Zeiten, aber ich kaufe auch mehr Sachen nicht, die ich so höre – aber das, liebe Künstler, liegt NICHT daran, dass ich weniger anspruchsvoll bin und einfach nichts mehr kaufe, weil das Internet mich zu einem seelenlosen Zombie gemacht hat. Hier irrt ihr einfach, wenn ihr glaubt, dass ich es nur nicht kaufe, weil ich’s kostenlos haben kann. Ich kaufe es nicht, weil es nicht gut genug ist. Dass ich das heute leichter herausfinden kann, weil mir irgendein Onlinedienst den Zugang dazu erleichtert (den ihr nicht anbieten wolltet, weil ihr immer dachtet, den Kunden eure Kunst zu offenbaren heißt, ihnen das Enigma zu nehmen, das euch umspielt), mag euch quer liegen, weil ihr mir keinen Schrott mehr unterjubeln könnt, den ich nicht vorab testen konnte – aber ich find’s toll, weil sich so meine Investition zwangsläufig lohnt, und ich kann das sagen, bevor ich sie tätigen musste. Belohnt werde ich von euch mit Kopierschutz oder “Raubkopierer-sind-Verbrecher”-Werbejingles vor dem Hauptfilm. Juchu.

Ich mein, ich will das gar nicht kleinreden. Ja, kostenlos ist der Wirtschaft Tod. Weil ihr Beruf und Berufung eint, seid ihr der Überzeugung, es ist ein regelmäßiges Salär wert. Mag sein, will ich gar nicht bewerten, kann ich auch nicht. Ich selbst habe noch nie Tatort gesehen, weiß aber, andere tun das und tun es mit Begeisterung. Interessant ist, dass ich euer (das der Tatort-Autoren) Einkommen zumindest zu Teilen trotzdem trage – aber ich weiß, dass ihr das wisst, weswegen ihr auf die konkreten Nachfragen nach dem euch entstandenen Schaden keine Antwort, sondern nur Ausflucht anbietet. Und ich weiß auch, dass eure Position denkbar ungeeignet ist, über die derartig vermeintlich, womöglich geplünderten Urheber die schützende Hand zu halten. Und ihr wisst das auch, weswegen ihr im Verlauf eurer Ausführung in die klassische Falle tappt: Ihr zieht alles was euer Geschäftsmodell zu bedrohen scheint über den selben Kamm, denunziert Konsumenten mit der Grundsatz-Keule und tobt euch an den Global Playern aus. Dass ihr selbst einen gewiss nicht unerheblichen Anteil eures Auskommens über die Zwangsgebühren für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk einsammelt verschweigt ihr dabei. Die Wahrheit, liebe Tatort-Autoren und liebe Künstler, die ihr den Markt scheut, ist aber am Ende: Wenn die Leute es nicht kaufen, dann nicht zwangsläufig, weil sie es kostenlos haben konnten. Sondern weil sie nicht bereit waren, das Geld auszugeben. Warum das ist so – darauf gibt’s mehr als nur eine Antwort. Nicht immer ist es des Konsumenten kulturelle Gleichgültigkeit.





Ode an die Schrulligkeit

27 03 2012

Ich weiss ja, man sagt mir gewisse Eigenheiten nach. Ich gelte ungeachtet meines noch recht überschaubaren Alters als exzentrisch, schrullig und “irgendwie seltsam”. Das liegt nicht zuletzt sicherlich an meiner Art, mich mit den gesellschaftlichen Gepflogenheiten auseinanderzusetzen – oder vielmehr, sie zu ignorieren, torpedieren oder ihr wenigstens übel nachzureden.
Tatsächlich empfinde ich’s gar nicht als unhöflich, den Verpflichtungen, die “nun mal so sind”, die mir die Gesellschaft in der ich lebe also aufnötigt, nicht nachzukommen. Ich selbst empfinde es eher als widernatürlich, es doch zu tun. Und es kostet mich nicht nur Überwindung, mich über meine, womöglich eigenwilligen, Empfindungen hinwegzusetzen, es widerstrebt mir geradezu. Es ist also nicht so, dass ich hier auf der Revolutionsschiene fahre – ich beleidige meine Mitmenschen nicht der Beleidigung wegen, ich stoße sie nicht vor den Kopf des Vor-Den-Kopf-Stoßens wegen. Ich folge den auferlegten Regeln nicht aus Gründen des geplanten Ungehorsams. Ich handle einfach nur instinktiv.

Ich folge den Erwartungen meiner Mitmenschen demnach eher aus Gründen des gruppendynamischen Zwangs und um meine Freunde nicht zu blamieren. Wobei mir ja immer etwas unklar ist, wieso es meine Freunde blamiert, wenn ich nicht unwidersprochen jeden Scheiss mitmache nur weil es “schon immer so gemacht wurde”. Aber das ist wohl eher ne andere Geschichte. Nervtötend ist letztlich vor allem, dass mir das gleiche Verständnis nicht entgegengebracht wird. Wenn ich etwas erwarte, was nicht “alle anderen” auch so erwarten oder automatisch tun, gilt das als exzentrisch. Wenn ich etwas nicht tue, weil es mir zuwider ist, obwohl die Gesellschaft es erwartet (und es halt Usus ist), gilt das als unhöflich – im besten Fall. Es wird hier also mit zweierlei Maß gemessen und vermeintlich demokratisch entschieden, dass Randgruppendynamik zu vernachlässigen und zeitgleich auszugrenzen ist – zugunsten des bestehenden Mehrheitskonsens. In der Folge begegnet man mir mit diesen Ritualen die mich verletzen und auf die ich keinen Wert lege, und erwartet im Umkehrschluss, dass ich das auch tue – worauf ich wieder keinen Wert lege und was mich massive Überwindung kostet.

Leute, entspannt euch mal. Nichts von dem, was ihr als “normalen gesellschaftlichen Umgang” bezeichnet, ist in Stein gemeißelt. Die meissten Dinge sind gar überholt und einige medizinisch betrachtet sogar gefährlich. Und nur weil ihr euch an so kleinen Dingen festhalten müßt, um nicht den Halt zu verlieren, sind sie nicht minder deplatziert. Nur weil ihr sie unreflektiert und stoisch wiederholt, sind sie nicht minder überholt.

So, bis hierhin werden die meissten nicht wissen, was ich damit eigentlich sagen wollte. Daher hier ein paar Beispiele:

> Jemandem zum Gruß die Hand geben.
- Gesellschaftlich betrachtet unverzichtbar, gilt gar als unhöflich wenn’s nicht angeboten wird, als Affront, wenn’s abgelehnt wird.
* Wenn ich jemanden berühren möchte, berühre ich ihn/sie. In allen anderen Fällen verzichte ich doch lieber darauf. Ich will ja auch nicht, dass mir jeder ins Gesicht langt, nur weil er den Wunsch nach Nähe verspürt. Die Japaner erledigen das mit einer kurzen Verbeugung, na geht doch…

> Jemandem am Telefon / via SMS / via Facebook / via Messenger [zum Geburtstag] gratulieren
- da gibt’s die buntesten Reaktionen drauf, wenn das mal ausbleibt. Es gilt gemeinhin als super unhöflich, nicht am Tag des Ereignisses zu gratulieren
* nnnnnnnnnnnnervt. Ich telefoniere sowieso nur ungern. Und wenn ich’s dann tue, weil ich “muss”, telefoniere ich noch weniger gern. Meinen Geburtstag (und alles andere, was ich so zu feiern habe) darf man getrost ignorieren bis man mir persönlich gegenübersteht. Und wenn es dann nicht erwähnt wird, kann ich damit auch prima umgehen. Ein Gruß am Telefon, eine hingeklierte SMS im Vorbeigehen erzeugen bei mir eher das Gefühl der Ablehnung und der Verärgerung. Kaum vorstellbar, dass meine Mitmenschen wollen, dass ich mit der Ahnung, dass es für andere das gleiche bedeutet, dennoch derartigen Gruß produziere. brrt.

> Folgeerscheinung des fernmündlichen Grußes: der erwartete Rückruf bei Nichterreichen
- da wird lieblos ein Gruß auf einem AB hinterlassen, eine Fire’n'forget-SMS geschickt, an eine Pinnwand gepostet. Und dann wird erwartet, dass das honoriert wird? Mittels Rückruf? Einer Rück-SMS? Einem Comment, Like, Rundum-Nachricht mit dem Gruß an alle Pinnwandposter?
* in anderem Zusammenhang wird sowas als Nötigung gewertet und nach §§wasweissich mit Schlägen auf die nackten Fußsohlen bestraft -.-

> Smalltalk
- oah. Das ist glaube ich der absolute Höhepunkt. Das Wetter? Fussball? Politik an der Oberfläche?
* GRU-SE-LIG. Entweder ich hab was zu sagen, oder nicht. Wenn nicht, dann einfach mal Fresse halten -.- Es ist echt bedauerlich, dass die Menschen dieser Gesellschaft verlernt haben, miteinander zu schweigen. Naja, oder vielleicht konnten sie es nie. Dann ist es bedauerlich, dass sie es nicht ERlernen.

Echt, ich bin, glaube ich, kein unhöflicher Mensch. Ich halte fast jedem fast jede Tür auf, ich grüße herzlich und mit einem Lächeln, ich betreibe Smalltalk wenn er mir aufgezwängt wird (ohne ihn zu initiieren und ohne ihn zu forcieren). Aber das, was als gesellschaftlich unverzichtbare Höflichkeit gilt, ist mir nicht nur oft ein Rätsel, sondern allzuoft auch ein Gräuel.





aufgelesen & aufgeschrieben

13 02 2012

Ein Happy End haben nur Geschichten, die unvollendet sind

~~ Jane Smith ~~





Finale Tricksereien (II)

6 01 2012

Eine Kategorie, die Endszenen von Filmen betrachtet – und ein ums andere mal feststellen muss, dass die Guten meistens siegen – aber oft nur durch einen Trick, eine List, eine Tücke, eine Falle… Jedenfalls einer Strategie, die man eher dem Bösewicht unterstellen würde…

Heute: Green Lantern

Hal Jordan, auserwählter “Green Lantern” von der Erde, kämpft gegen Paralax. Paralax besteht aus dem Element ‘Furcht’, ist in etwa so Gross wie Manhattan und hat tolle Tricks drauf – etwa Energieprojektile erzeugen und ängstliche Seelen absorbieren.
Als Green Lantern kann man auch tolle Sachen, etwa zur Sonne fliegen. In einem Training das Hal zuvor durchläuft erfährt er grundlegendes aus der Physik: Je Größer ein Körper, desto mehr wirkt Gravitation auf den Körper. Er bekommt dies anhand eines künstlich erzeugten Sterns aufgezeigt, der ihn ansaugt und damit kampfunfähig macht.
Paralax absorbiert grade gemütlich Manhattan (glaube jedenfalls, dass es Manhattan ist – irgendeine amerikanische Großstadt-Skyline halt ^^) als Hal in den Kampf eingreift. Nach einem andauernden Kampf in dem Hal aussichtlos in Not gerät und nahe dran ist, ebenfalls absorbiert zu werden, macht Hal sich diesen Trick zu Eigen und lockt Paralax in die Nähe der Sonne.
Die Graviation der Sonne erfasst Paralax und verbrennt ihn – Hal wird wesentlich langsamer angezogen und schließlich von anderen Lanterns gerettet, bevor er zu nah an die Sonne gerät und ebenfalls verdampft.

Fazit: good boy siegt mit Hilfe einer bad boy Methode (nachdem er im direkten Kampf hoffnungslos unterlegen war muss ein Trick herhalten).

 

Kategorien-Disclaimer:

Bei dieser Kategorie geht’s darum, dass man die Message, die vermittelt wird, irgendwie missverstehen könnte. Denn wenn die Guten am Ende mit Methoden siegen, die man von den Bösen erwartet – sind sie dann noch die Guten? Und sind die Methoden noch ‘böse’, wenn sie von den Guten gewählt werden?
Ich beobachte das schon eine ganze Weile und habe den starken Eindruck, dass das System hat. Daher habe ich mich dazu entschlossen bei Gelegenheit die Film-Enden zu notieren.





Eigentlich ist doch alles gesagt…

5 01 2012

Und dennoch nicht.

Ja, das Thema ist #Wulff. Mal wieder. Immer noch. Ist noch Präsident, ja. Will es (Status quo) auch bleiben. Ich wollte an sich nicht drüber schreiben. Beim Ausmaß des aktuellen Shitstorms ist die Chance zu groß, nicht mehr originell zu sein. Dennoch:

Habe mir das Schreiben von seinem Advokaten durchgelesen. Das hatte der BP ja gestern angekündigt, dass heute alles beantwortet wird. Meinte damit offenbar nichts, was er gestern nicht auch schon offen gelassen hat.

Also, ich versuch mal eine Zusammenfassung des relevanten Krams – also abseits des ganzen nahezu irrelevanten Urlaubsdomizilfutterneides (dazu allerdings unbedingt ein Wort zur unmittelbaren Disqualifikation von Bettina Schausten als Gesprächsführer in diesem Interview: in der aktuellen Fluter (Seite 3) gibt’s zur Mentalität vom Austausch von Gefälligkeiten unter Freunden (nicht nur im Deutschland) des 21sten Jahrhunderts eine tolle Stelle im ohnehin sehr lesenswerten Interview mit Aldo Haesler, in der er bemängelt, dass es unter Freunden so etwas wie unbeglichene Schuld nicht mehr gibt. Ich jedenfalls muss hier ganz klar mal den BP in ‘Schutz’ nehmen und hoffe, dass Frau Schaustens Ansicht zur Freundschaft sich nicht etablieren (oder dies nicht ohnehin längst haben) und nicht alle meine Freunde für jeden Gefallen eine unmittelbare Begleichung oder wenigstens Anerkennung einer Schuld einfordern. Denn in dem Fall ist der Neid ja vorprogrammiert.):

Irgendwann im Jahr 2008, zur Amtszeit als Ministerpräsident, beschließt der heutige BP, sich ein Haus zu kaufen. Als Ministerpräsident ist man notorisch klamm und beim gemeinsamen Abendessen mit dem väterlichen Freund und dessen Gattin in der Residenz Geerkens stellt sich raus: Bei Familie Geerkens sitzen die Euros lockerer. Also frickelt man aus reiner Nächstenliebe einen Darlehensvertrag (500.000 € zu 4,5% Jahreszins) zusammen, nimmt dem ganzen jeden zwielichtigen Hauch indem man nicht Herrn sondern Frau Geerkens einbindet und köpft die nächste Flasche Chardonnay (für wie bescheuert haltet ihr uns eigentlich?).

Wulffs kaufen den Laden also und legen alsbald mit der Saniererei los. Pünktlich zum Kaufvertrag wird nochmal nachverhandelt – 4,5% erscheinen angesichts der Bankenkrise zu viel, man pendelt sich bei 4% ein. Schließlich geschieht das alles aus Freundschaft und dass beim Thema Geld jene endet gilt erwiesenermaßen nur für Freundschaften, in denen das Geld nicht ganz sooo locker sitzt: Es will hier also niemand was gewinnen, da kann man dann auch mal großzügig sein. Ist ja auch nicht davon auszugehen dass Frau Geerkens in der Zwischenzeit ihren Dispo um die Summe überzogen hat…

Da Wulff 2008 noch Ministerpräsident ist, unterliegt er dem sogenannten “Ministergesetz Niedersachsen” und hier im Besonderen dem §5 Abs. 4:

Die Mitglieder der Landesregierung dürfen, auch nach Beendigung ihres Amtsverhältnisses, keine Belohnungen und Geschenke in Bezug auf ihr Amt annehmen. Die Landesregierung kann Ausnahmen zulassen. Sie kann diese Befugnis auf die Staatskanzlei übertragen.

Wulff selbst nennt das Darlehen also folgerichtig einen Freundschaftsdienst.
Gut, kann man so machen, das Gegenteil lässt sich sowieso nicht nachweisen und Lobbyismus wird in Deutschland sowieso als Kavaliersdelikt abgenickt. Sein Jurist verneint den Zusammenhang von Amt und Darlehen denn auch. Wär jetzt auch n Hammer wenn er den zugebenbestätigen würde.

4% also für einen Kredit. Das ist schon mal nicht so ganz schlecht – mein bester laufender Kredit liegt da deutlich drüber. Andererseits kann man unter Freunden natürlich ausmachen was man will, zumal solange einem der politische Schaden, den man damit womöglich nimmt, wurscht ist.
Der Vertrag wird noch veredelt indem er drei Jahre später von der BW Bank (den Kontakt vermittelt Geerkens nach Aussage des Anwalts) die annähernd gleiche Summe zu noch besseren Konditionen bekommt: 475.000 € zu 2,1%. Damit ist jedem Laien klar: das ist kein Immobilienkredit. Und jedem Profi vermutlich, dass 2,1% selbst für einen EURIBOR recht günstig sind. Wirklich wissen tu ich das natürlich nicht, aber ich ahne, dass selbst wenn er als Bundespräsident in eine Bank marschiert, würde man ihm für eine Immobilienfinanzierung einen nicht ganz so guten Vertrag anbieten – zumal wir hier von 100% Deckung sprechen, nicht von augenscheinlich üblichen 60%-80%.
Aber das passt schon, immerhin bezahlt der Steuerzahler dem aktuellen BP jährlich 200.000€ – ich erwarte sicher nicht, in einer Bank ähnlich gut behandelt zu werden wie jemand, der 200.000€ im Jahr verdient.
Skurril bleibt halt, dass Geerkens den Kontakt aufmacht und nicht etwa eine Immobilie finanziert wird mit dem Vertrag, sondern ganz augenscheinlich nur ein anderer Kredit abgelöst wird. Man sollte mal nen unvoreingenommenen und neutralen Banker fragen, wie es mit den Konditionen für derartige Kredite aussieht. Doof nur, dass es so was nicht gibt.

Kleine Anekdote am Rande ist übrigens, dass von diesen 200.000€, die von meinen und Deinen Steuern bezahlt werden, auch der Anwalt bezahlt wurde:

Das Honorar für unsere Tätigkeit zahlt Herr Wulff als Privatperson.

Doof nur, dass die Privatperson Wulff gar kein Einkommen hat. Die Kohle bringt vielmehr der Bundespräsident Wulff nach Hause.

Ja, dann kommt hinzu, dass jemand, der die Medien bedroht (egal ob er nun Aufschub oder Aussetzen erwirken wollte und egal ob er von Krieg gesprochen hat oder nicht – alleine der Anruf des Bundespräsidenten zur Intervention bei Medien sollte unter Strafe stehen), ganz sicher nicht geeignet ist, mein Präsident zu sein.
Von meinem Bundespräsidenten erwarte ich darüber hinaus 100% Professionalität. Fehler darf sein Stab machen. Oder sein Pressesprecher. Selbst seine Frau. Und auch sein Hund darf auf den Wohnzimmerteppich kacken. Aber von meinem Bundespräsidenten erwarte ich auch in heiklen Situationen die volle Kontrolle. Grade wenn es darum geht, der Regierung mal Kontra zu geben weil die ein Gesetz durchwinken wollen, dass ihnen lebenslange Regierungsbildung zugesteht, erwarte ich, dass mein Bundespräsident KEINE Fehler macht und das unterbindet. Wenn er das nicht kann und/oder sich nicht zutraut (weil keine Karenzzeit, durfte ja nicht üben, bla), sollte er den Job nicht antreten. Basta.

Kritisch ist nicht, dass Wulff einen wirklich dramatischen Fehler gemacht hat. Er hat nur viele kleine gemacht. Und jetzt will er auch noch unser Mitleid. Auf meins muss er verzichten. Ich fordere unbeirrt den Rücktritt – und nebenbei auch die freiwillige und unwiderrufliche Spende des Jahresgehalts als Bundespräsident (bis zum Lebensende) an eine gemeinnützige Stiftung.





Liebe Politiker,

27 12 2011

was lebt ihr euren Kindern und eurem Volk hier eigentlich vor?
Da euch das offenbar nicht klar ist, nochmal in aller Deutlichkeit: Eure Positionen implizieren neben Macht und Einfluss auch Verantwortung. Ihr geltet, wenngleich nicht zwangsläufig als Ergebnis harter Arbeit, so doch ‘qua Amt’, als Vorbilder. Die Menschen orientieren sich demnach an eurer Art zu leben.
Ich bin einigermaßen entsetzt, dass ihr die Beschmutzung eurer Ämter, eurer Positionen und eurer Reputation auf eurem Weg zum Spitzenamt (oder zum Spitzenjob nach der offenbar von einigen so empfundenen Zwangsrunde in einem relevanten politischen Amt) beinahe klaglos akzeptiert und unbeirrt euren Kurs fortsetzt.
Ich verstehe, dass es mühsam ist, sich mit den rasch wandelnden Gesetzen des digitalen Zeitalters zu arrangieren. Man muss sicher nicht jeden Firlefanz mitmachen und nur weil die Piraten jetzt aus dem Landtag twittern muss das noch lange nicht zum Quasistandard erhoben werden. Ich verstehe auch, dass nicht jeder unmittelbar geäußerte, wilde Verdacht in Print- oder Onlinemedien mit Antwort und Aufmerksamkeit gewürdigt werden muss.
Ich verstehe sogar, dass der eine oder andere von euch sich bspw. gegen die unfreiwillige Einbindung in derartige Dienste erwehrt (vgl Abgeordnetenwatch oder fehlende Präsenz in digitalen Netzwerken). Ihr lebt eben zu einem beachtlichen Anteil schon so lange in diesem Land, dass ihr wisst, der beständige Deutsche wird auch ohne Facebook, Twitter und Onlinepetition einen Weg finden, mit euch in den Dialog zu treten. Naja, oder wenigstens wisst ihr, dass das auch früher schon kaum bis gar nicht möglich war aber die Deutschen gerne an etabliertem festhalten, euch das also nicht geschlossen zum Vorwurf machen sondern die Argumente für eure Entscheidung schon an eurer statt formulieren werden.
Was ich aber überhaupt nicht akzeptieren kann ist, dass ihr zulasst, dass der weitverbreitete Glaube entsteht, dass ihr alle korrupt seid und ausnahmslos alle nur mit List und Tücke zu euren Positionen (oder Privatimmobilien) gelangen konntet. Ob ihr beim Doktortitel bescheisst, konsequent ein zentrales Lobbyregister ablehnt oder euch mittels Amt messbare Vorteile beim privaten Hausbau erschleicht – schlussendlich kommt es alles aufs Selbe raus: Ihr wähnt euch in einem sichtgeschützten Kokon, aus dem ihr mehr oder weniger zwangsläufig irgendwann als Lichtgestalt schlüpfen wollt. Leider muss ich euch diese Illusion nehmen: Die Tatsache, dass nahezu jedes schmutzige Geheimnis eurer Laufbahnen inzwischen irgendwie an euren ‘Schlüsselbund’ gehangen wird, den ihr fortan mit euch herumtragt, und die Frequenz, mit der das jüngst geschieht, muss euch vergegenwärtigen, dass die Gesetze eines dynamischen, transparenten und flexiblen, globalen Netzwerks auch für euch gelten. Und doch lebt ihr noch immer vor, wie die Welt vor hundert Jahren war und ignoriert diese neuen Variablen einfach.

Ihr haltet es für gesunde Neugier und stuft es als Kernkompetenz ein, wenn Kinder und Jugendliche sich mit Politik beschäftigen. Ob das an eurer ernsthaften Überzeugung liegt oder daran, dass ihr ‘Next-Gen-Wähler-Recruiting’ betreibt, könnt indes nur ihr beantworten. Ich jedenfalls halte diese Entwicklung für bedenklich. Ihr zwingt eine Generation Menschen dazu, sich mit euren Machenschaften und Gebaren zu beschäftigen – selbst zu entscheiden, ob ihr gute Politiker oder nur grandiose Schwindler seid. Es ist inzwischen nicht mehr nur Option euch zu hinterfragen, es ist folgerichtige Notwendigkeit. Der fliegende Start in eure gehobene politische Karriere ist nicht mehr nur mit Hoffnung und Erwartung gepflastert, sondern als Ergebnis der Politiker, die vor euch in diesen Ämtern saßen, auch mit Sorge und Misstrauen.
Eltern, Erzieher und Umfeld können heute nicht mehr guten Gewissens sagen: “Das sind Spitzenpolitiker, die finden den besten Weg für ihr Volk, denn das ist ihr Auftrag”. Heute muss man annehmen, dass ihr Politiker seid und es damit quasi “per Definition” vorzieht, den für euch lukrativsten Weg zu gehen. Wie sollen wir die bestmöglichen Ergebnisse unserer Arbeit erreichen, wenn wir euch ständig nachstellen müssen?
Ja, vielleicht war das schon immer so. Und nein, das ist kein Grund, dass ihr die Klüngelei akzeptiert wie sie ist, es ist im krassen Gegenteil eher ein Grund, dass ihr anfangt, umzudenken und entgegengesetzt zu handeln. Heute sehen wir jede eurer Verfehlungen. Ihr seid so transparent wie noch nie.
Wenn ihr euch auf eurem Pfad verirrt, wissen wir das. Wir halten es euch unter die Nase. Ihr könnt die Dynamik der neuen Medien nicht aussperren wie ihr das mit klassischen Medien machen könnt. Klar könnt ihr versuchen die einflussreichen Blogger zu kaufen und euch mit Media-Experten auf einen Social-Media-Kurs einschwören. Natürlich wird jede Blendgranate die ihr zündet den einen oder anderen einfangen und konvertieren – aber das alleine ist nicht mehr genug. Ihr könnt die meisten schmutzigen Geschichten sicher aussitzen. Ihr könnt den rüden Gegenwind gelegentlich stoisch ertragen. Ihr könnt hoffen und annehmen, dass wir euch verzeihen, vergeben und eure Fehlleistungen vergessen. Aber ihr müsst ständig und allgegenwärtig davon ausgehen, dass wir nicht aufhören euch zu beobachten.

Mal ganz davon abgesehen dass es jämmerlich und erbärmlich ist, dass man es euch immer wieder sagen muss, dass eure moralische und ethische Verantwortung eurem Volk gilt und nicht euren Parteivorständen, euren Haus- und Hof-Lobbyisten, sie gilt nicht eurem Bankkonto und schon gar nicht euren überzeichneten Egos. Ihr tragt die Verantwortung für zweiundachtzig Millionen Deutsche – nicht weniger. Ihr wurdet mangels sich abzeichnender Alternativen von einem Teil von denen sogar in die Position gewählt, in der ihr euch heute befindet. Sie verzichten auf einen Teil ihres Einkommens, damit ihr euren Job gut und in ihrem Sinne macht. Sie legen all ihre Hoffnungen auf ihre kleinen und großen Träume in eure Hände – einerseits weil davon ausgegangen wird, dass ihr die Besten der Besten für diesen Job seid, und andererseits, weil das politische System in diesem Land vorsieht dass ständig irgendwer auf euren Stühlen sitzt – selbst wenn der oder  die nur wenig geeignet erscheint. Nicht selten also auch mangels Alternativen. Das befreit euch aber nicht von der Verantwortung – im Gegenteil. Wäret ihr tatsächlich die besten für den Job hätten wir lediglich ein besseres Gefühl bei der Sache.

Jedes mal, wenn ihr in diesen Teich spuckt, tragen die Wellen euer Wort bis an den kleinsten Flecken Küste. Dabei ist es in der Tag egal, wie weit über dem Teich ihr euch wähnt. Und denkt mal darüber nach, um welchen Faktor euer Job einfacher wäre, wenn ihr die Verantwortung für euer Handeln an den Bedürfnissen eures Volkes ausrichten würdet. Klar, euer Bankkonten wären nicht gar so gut gefüllt und eure Zukunft nicht gar so watteweich eingerollt – aber wir bezahlen eure Arbeit ja auch nicht zu eurem Vergnügen, sondern zur Sicherung unserer Zukunft. Das sollte euch unbedingt klar sein, bevor ihr an der Weggabelung “Politik <> freie Wirtschaft” eine Entscheidung fällt. Aber selbst wenn es das nicht war – Zeit zum Umdenken ist immer. Nur müsst ihr damit natürlich einst beginnen…








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